Es lebte einst ein Zauberer
Es war einmal vor langer Zeit. Oder war es doch erst gestern? Das weiß niemand so genau. Doch eines ist gewiss: Es lebte einst ein kleiner Zauberer – der Zauberer Pfifferling.
Wenn ich klein sage, dann meine ich wirklich klein. Pfifferling war ungefähr so groß wie deine Hand. Trotzdem war er ein großer Zauberer. Vielleicht sogar der größte Zauberer im ganzen Wald. „Ich bin nicht klein – höchstens ein wenig kurz“, erklärte er gern.
Was musst du noch über den Zauberer Pfifferling wissen? Vielleicht wie er aussah? Eigentlich genauso, wie du dir einen Zauberer vorstellst. Oder auch ein klein wenig anders. Pfifferling trug meistens ein Gewand mit Sternen darauf, einen spitzen Zaubererhut und natürlich hatte er einen langen, grünen Bart. Du hast noch nie von einem Zauberer mit einem grünen Bart gehört? Das macht gar nichts. Ich sagte ja: So, wie du dir einen Zauberer vorstellst – nur ein klein wenig anders.
Pfifferling kannte viele Zaubersprüche. Doch sein wichtigster Zauberspruch ging so:
„Sonne, Mond und Sterne,
ich helfe dir sehr gerne.
Weil du mich brauchst und ich das spür,
öffnet sich die Zaubertür.“
Wem muss denn so ein kleiner Zauberer helfen? Den Tieren im Wald natürlich. Auch Tiere sind manchmal traurig, fühlen sich allein oder haben sich weh getan. Dann brauchen sie jemanden, der für sie da ist. So geht es ihnen gleich besser.
Oder fragst du dich vielleicht: Warum braucht der Zauberer Pfifferling denn eigentlich eine Tür, um zu helfen? Ganz einfach: Der kleine Zauberer wohnt tief unten in der Erde unter einem großen Baum. Wenn Pfifferling irgendwo im großen Wald gebraucht wird, malt er mit seinem Zauberstab eine Tür an die Wand seines Schlafzimmers und spricht dazu seinen Lieblingszauberspruch.
Im selben Moment erscheint eine kleine Zaubertür, die genau dorthin führt, wo ein Tier die Hilfe des kleinen Zauberers braucht. Das spart viel Zeit. Denn ein schneller Läufer ist Pfifferling mit seinen kurzen Beinen nicht.
Der kleine Zauberer lässt die Tür jedes Mal ein Stückchen offen stehen, damit er auch in sein Schlafzimmer zurückgehen kann. Auf dem Rückweg schlägt er die Tür kräftig hinter sich zu. In Pfifferlings Schlafzimmer ist die Wand dann wieder glatt und wie neu. Nur irgendwo im Wald bleibt ein kleines Türchen zurück.
Wenn du so ein Türchen findest, dann darfst du es gerne aufheben und mit nach Hause nehmen. Der Zauberer Pfifferling braucht seine alten Türen nicht mehr. Er zaubert ja jedes Mal eine neue kleine Tür.
Das einhörnige Mufflon
Es war einmal vor langer Zeit. Oder war es doch erst gestern? Das weiß niemand so genau.
Der kleine Zauberer stand gerade in seinem Schlafzimmer und betrachtete sich im Spiegel. Immer abwechselnd zog er seinen Bauch ein und streckte ihn weit heraus. Hmmm, vielleicht hatte er in letzter Zeit zu viele Honigplätzchen genascht? „Ach was, zu jedem großen Zauberer gehört auch ein kleines Bäuchlein!“, entschied Pfifferling und lachte. In diesem Moment hörte er ein trauriges Schluchzen. Der kleine Zauberer rückte seinen Hut zurecht und malte mit schnellen Strichen eine Tür an seine Wand.
Dazu sprach er die Worte:
„Sonne, Mond und Sterne,
ich helfe dir sehr gerne.
Weil du mich brauchst und ich das spür,
öffnet sich die Zaubertür.“
Pfifferling trat an einer lichten Stelle des Waldes aus seiner Tür. Er stand mitten unter hohen Bäumen. Wenige Meter von ihm entfernt lagerte eine Herde Mufflons. Ein Männchen mit wunderschönen, großen, gedrehten Hörnern hatte die Vorderhufe auf einen Baumstumpf gestellt und schaute sich aufmerksam um. Die anderen Tiere lagen entweder auf dem Boden oder knabberten an Gräsern, Kräutern und Blättern.
Da hörte der kleine Zauberer wieder ein trauriges Schluchzen. Das kam aber aus der anderen Richtung. Pfifferling drehte sich um und sah etwas hinter einen Baum huschen. Er machte einige Schritte auf das traurige Tier zu und schaute hinter den Baum. Dort stand ein junges Mufflonmädchen mit schönem, braunen Fell, niedlichen Ohren und hübschen Augen. Doch seine Augen waren von Tränen erfüllt. „Hallo. Ich bin der große Zauberer Pfifferling – und wer bist du?“, fragte der kleine Zauberer leise.
Das Mufflon senkte den Kopf und blickte den kleinen Zauberer aus großen Augen an. Jetzt erst sah der kleine Zauberer, dass dieses Mufflon ein Horn auf dem Kopf hatte. Viele weibliche Mufflons haben keine Hörner, andere haben zwei kleine Hörner. Dieses Mufflon hatte nur ein Horn über dem rechten Ohr. Ein einhörniges Mufflon hatte Pfifferling noch nie gesehen.
„Ich bin Bä-Bä-Bärbel“, schniefte das Mufflon. „Hallo Bärbel, warum weinst du denn?“, fragte der kleine Zauberer. „Weil – weil ich so komisch bin, so hässlich, so grässlich, so anders“, jammerte Bärbel. Überrascht schaute
Pfifferling zu dem Mufflon auf und sagte: „Was? Wie kommst du denn darauf?“ Bärbel schluckte und sagte dann mit zitternder Stimme: „Das sagen doch alle. Ich bin ein Andersling. Mir fehlt ein Horn. Oder ich habe eines zu viel. Auf jeden Fall bin ich völlig falsch.“ Eine Träne tropfte neben dem kleinen Zauberer auf den Boden.
Vorsichtig streichelte Pfifferling Bärbel über die weiche Schnauze und flüsterte: „Nein, Bärbel, du bist genau richtig so, wie du bist. Kein Tier ist falsch. Du hast ein so schönes, weiches Fell, so schöne Augen und so hübsche lustige Ohren. Und du hast ein wunderschönes Horn! Ich wünschte, ich könnte dir helfen!“ Bärbel legte den Kopf schief und fragte mit etwas festerer Stimme: „Kannst du mein Horn vielleicht wegzaubern, damit ich so bin wie die anderen?“
Der kleine Zauberer strich sich mit der Hand über seinen langen, grünen Bart und schaute Bärbel in die Augen. Er seufzte: „Vielleicht könnte ich das. Ja, doch – das müsste möglich sein. Aber das wäre wirklich furchtbar schade. Weißt du, ich habe schon seit sehr, sehr vielen Jahren, vielleicht sogar seit Jahrhunderten, kein Einhorn mehr getroffen. Heute treffe ich dich endlich und du magst dein Horn nicht.“
Mit großen Augen schaute Bärbel den kleinen Zauberer an und fragte: „Was? Ich? Ein Einhorn?“ Pfifferling nickte. Bärbel lachte und rief: „Das muss ich den anderen erzählen. Ich bin ein Einhorn! Ich bin ein Einhorn!“ Das Mufflonmädchen sprang davon. Nach einigen Hüpfern drehte sie sich noch einmal um und rief: „Danke, großer Zauberer! Es hat gut getan, mir dir zu sprechen!“
„Bis bald – wir sehen uns im Wald!“, sagte Pfifferling. Dann trat er
lächelnd durch seine Tür und schlug diese hinter sich zu. Er würde heute Abend einen leckeren Salat essen und vielleicht noch eine Runde spazieren gehen. Zurück blieb eine kleine Tür.